Urban Gardening im Werkkomplex von Katrin Siebeck: Agieren im gesellschaftspolitischen Spannungsfeld von Urban Art und Sozialer Plastik

 

Katrin Siebeck hat sich in den vergangenen Jahren bei ihren künstlerischen Werken viel mit Recyclingmaterialien, phantastischen urbanen Utopien, und räumlichen Projektionen auseinandergesetzt und so eine subversiv poetische Utopie der Stadt mit Objekten der Wegwerfgesellschaft geschaffen.

 

Daraus entstand eine neue Werkphase seit dem Herbst 2016 mit ihrem „Interkulturellen Gemeinschaftsgarten“, einem Urban-Gardening-Projekt im Bürgerpark Oberföhring in München. Ihr Anspruch dabei lautet: „Das natürliche Umfeld der auf dem Gelände ansässigen Akteure, soll soziales, ökologisches und künstlerisches Engagement verbinden“. 

 

Anders als viele Stadtbegrünungsprojekte speist sich das Urban-Gardening als künstlerisches Vorhaben vor allem aus dem Geist der Urban-Art-Bewegungen. Es waren die Protestaktionen der Jugendkultur, die den öffentlichen Raum, be- sonders den urbanen Raum, wieder für sich zurückerobern wollten.

 

So wird auch hier im „Interkulturellen Gemeinschaftsgarten“, ein Stück brach- liegender, versiegelter Fläche für den sozialen, urbanen Raum zurückgewonnen. Mobile Hochbeete definieren diesen Raum nun als Gemeinschafts- und Aktions- raum neu. Es ist ein Projekt, das nicht zur Ertragssteigerung gedacht ist und keinerlei Gewinnoptimierungen verfolgt. Es ist ein offenes System ohne Zäune, mit der Möglichkeit zu scheitern – all dies Kennzeichen eines Kunstprojekts, das die Bildung von Soziotopen als Nucleus im Prozess gesellschaftlicher Plastizität sieht.

 

Urban Gardening im Kontext eines veränderten Raumbegriffs

Urban-Gardening ist also eine Kunstform, die sich unter postdigitalen Bedingungen in öffentlichen Räumen entwickelt. Es lohnt sich deshalb einen genaueren Blick auf die Räume und das veränderte Raumverständnis zu werfen, um das Phänomen `Urban-Gardening´ besser zu verstehen:

Der urbane Raum ist aus vielerlei Gründen immer mehr zersplittert und unter dem Einfluss der verschiedensten Interessenssphären aufgerieben worden. Zu nennen sind hier vor allem die Einflüsse der Verkehrspolitik, des Kommerzes, des Wohnungsbaus unter ökonomischem Primat, aber auch der verschiedensten anderen gesellschaftlichen Gruppierungen. So steht beispielsweise auch die Existenz des Bürgerparks mit seinen vielen Vereinen stets unter Vorbehalt, die Genehmigungen zu seiner Nutzung werden immer nur temporär vergeben, es droht stets die Kündigung und in der Folge die bloß auf Verwertung ausgerichtete Nutzung des Geländes.

 

Ein zweiter großer Impuls kam, neben der Zersplitterung des öffentlichen Raumes, von der zunehmenden Vernetzung des physischen Raumes mit dem Datenraum des Cyberspace. Dieser virtuelle Raum, in dem sich nun Teilöffentlichkeiten gebildet haben, löst die analogen Räume immer mehr auf und „verflüssigt“ sie (M. Castells): „Die neue Technologie bildet die materielle Grundlage des fließenden Raumes. In den erzeugten Netzwerken existieren Räume nicht mehr per se, sondern werden über Ströme definiert. Die realen Plätze verschwinden zwar nicht, werden aber vom Netzwerk absorbiert“. (1)

 

Dieser Einfluss auf die Verödungen des öffentlichen Raums ist nicht zu unterschätzen. Selbstreferenzielle Echokammern der sozialen Medien schlagen auf das öffentliche Leben durch und beschleunigen die Zersplitterung der Lebenswelten gesellschaftlicher Gruppierungen zusätzlich. Eine Öffentlichkeit, wie sie etwa Habermas definiert, war und ist im Verschwinden. Er postuliert in `Kultur und Kritik´, für eine funktionierende Öffentlichkeit und damit für ein funktionierendes politisch-demokratisches Gemeinwesen u.a.:

 

  • „… einen Bereich unseres gesellschaftlichen Lebens, in dem sich so etwas wie öffentliche Meinung bilden kann.“…
  • „Der Zutritt steht grundsätzlich allen Bürgern offen.“ … und
  • einen Raum, in dem sich die Bürger „…ungezwungen, also unter der Garantie, sich frei versammeln und vereinigen, frei ihre Meinung äußern und veröffentlichen […] dürfen …“ (2).

 

Bedingungen, die im Cyberspace immer stärker von Überwachung, Bots, Filterblasen und Trollen zerstört werden.

Die Raumbegriffe, und jetzt müssen wir hier im Plural sprechen, in denen sich Kunst in öffentlichen Räumen manifestieren kann, haben sich grundlegend verändert. Andererseits hilft der Cyberraum auch die analogen Sozialräume wieder zu verdichten und nutzbar zu machen. So ist es für den `Interkulturellen Gemeinschaftsgarten´ konstitutiv, sich über das Internet zu organisieren.

Ein weiterer Aspekt, den die künstlerischen Praxen für sich erobert haben ist sicherlich das Bewusstsein über Handlungsbedingungen im sozialen Raum: Stichwort „spatial turn“.  Der Soziologe Schubert formuliert es so: „… Der Raum ist auch nicht als Gegenstand abseits der historischen Entwicklung zu behandeln, sondern es gilt, ihn vielmehr `als sozialräumlichen Prozess´ aufzufassen, in dem sich Raum- und Sozialfiguren korrespondierend wandeln.“ (3)

Dies ist ein weiterer wichtiger Aspekt im Kunstprojekt von Katrin Siebeck: es ist ihr gelungen den Sozialraum mit einem künstlerischen Eingriff neu zu definieren, nämlich: „eine Gartengemeinschaft bestehend aus Künstlern des Geländes, Anwohnern des Viertels und Mitbürgern mit Fluchterfahrung“ in einem realen Erfahrungsraum zu verorten.

 

Urban Gardening und Urban-Art 

Urban Gardening war unter den vielen Richtungen der Urban-Art Bewegungen eine derjenigen, die am schnellsten und ehesten den Nerv der Großstädter traf und die unter den jugendkulturellen Äußerungen im öffentlichen Raum am bereitwilligsten von einer breiten Öffentlichkeit akzeptiert, begrüßt und sich in die verschiedensten Richtungen ökologischen, ökonomischen, politischen und sozialen Handelns weiterentwickelt hat.

 

Eine der wichtigsten Wurzeln dieser Form von Urban-Gardening war sicherlich das Guerilla-Gardening. Es waren anarchische Pflanzaktionen, um den urbanen Raum an allen möglichen und unmöglichen Stellen zu begrünen und neu zu nutzen, um so ein kritisches Bewusstsein zu schaffen für die Bedingungen, dem der öffentliche Raum inzwischen ausgesetzt ist. Viele dieser Bedingungen sind und waren lebensfremd, lebensfeindlich und wurden in keiner Weise mehr hinterfragt. Die dialogischen Bedingungen für die Entstehung einer präsenten Öffentlichkeit kamen immer mehr zum Erliegen. Viele performative künstlerische Eingriffe nahmen diese Defizite zum Anlass für ihre Aktionen und Prozesse.

 

Urban-Gardening im Kontext zeitgenössischer Kunstströmungen      

Wenn Kunst sich im öffentlichen Raum einmischt, sich aus dem „White Cube“ der Galerien hinauswagt, gerät sie unter den Druck der öffentlichen Einflusssphären und wird dadurch zwangsläufig gesellschaftlich relevant und dadurch in gewisser Weise auch politisch. Kunst in öffentlichen Räumen, die sich dieser Tatsache bei ihrer Realisation stellt, verändert sich deshalb oftmals auch in Richtung gesellschaftlicher Arbeit und Teilhabe. Peter Weibel, der Leiter des ZKM in Karlsruhe, bezeichnet den `Artivism´, die Verbindung von Kunst und Aktionismus als erste neue Kunstform des dritten Jahrtausends.

 

Leonhard Emmerling und Ines Kleesattel bemerken dazu in Ihrem Buch `Politik der Kunst´: „Die Grenzziehung zwischen Kunst und Politik erweist sich mit Blick auf die gesellschaftliche Realität folglich aus unterschiedlichsten Perspektiven als imaginär; die binäre Begriffskoppelung ist in sich selbst nicht nur inkonsistent, sondern für die Diskussion der sich aus dem Verhältnis von Kunst und Politik ergebenden Problemlagen auch nicht hilfreich.“ (4)

 

Chus Martínez, Mitarbeiterin von Catherine David schreibt im Katalog zur DOKUMENTA (13). „Die neue Bedeutung der Philosophie und der Sozialwissenschaften im Bereich der zeitgenössischen Kunst hängt mit einer grundlegenden Entdeckung zusammen: Die Kunst ist heute in einem Raum verortet, der für die Wechselbeziehungen von Wissensfeldern, die sich ansonsten nie überschneiden würden, auf einzigartige Weise produktiv ist.“ (5)

 

Die Werke, die jetzt geschaffen werden, äußern sich nicht nur in bloßen Artefakten, sondern greifen in das System ein, indem sie sich realisieren ­– in unserem Fall, die zu temporären Zwischenräumen gewordenen öffentlichen Räume. Sie werden neu definiert: ästhetisch, sozial, interkulturell und zukunftsweisend. Es sind die neuralgischen Punkte im Akteure-Netzwerk der Gegenwart.

 

Die Nutzung von Grünflächen, und damit auch meist von öffentlichem Raum innerhalb einer Stadt, bezeichnet der Politikwissenschaftler Ulrich Brand von der Universität Wien als "sozialen Bewegungsmelder". „Auch Gärtnern könne als Dialog gesehen werden“, sagt er, „der sprichwörtlich dazu dient, neue Räume zu erschließen - geografische, aber auch gesellschaftliche“.6

Eine weitere Wurzel für das Urban Gardening als künstlerische Äußerung in öffentlichen Räumen ist auch in dem Bewusstsein verankert, die ästhetischen Äußerungen der Kunst mit dem alltäglichen Leben wieder zu vereinen. Seit dem 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart ist dieser Wunsch in immer wiederkehrenden Wellen in den verschiedensten Stilen und Formen der Kunstäußerungen zu beobachten.

 

Das von Joseph Beuys entwickelte Konzept der `Sozialen Plastik´, ist ein Zeuge dafür: Wolfgang Ullrich bemerkt dazu: „… ging es ihm [Beuys, anm. d. Autors] darum, auf die vielen kreativen Kräfte jenseits des Kunstbetriebs aufmerksam zu machen. Sie zu fördern und den Menschen insgesamt zu mehr Selbstbewusstsein zu verhelfen, war sein Ziel, dass ihm viel wichtiger schien als eine irgendwie geartete Fortsetzung klassischer Werkgattungen der Kunst“. 7 Partizipative Praxen der Künste sind in allen Kulturen der Welt zu beobachten – oft sogar an der Schnittstelle zu politischen oder sozialen Praktiken.

 

Urban-Gardening im Akteure-Netzwerk

Die große Resonanz dieser sozialen Plastik, die Katrin Siebeck initiiert hat, erzeugte sicherlich das steigende Bewusstsein über die Grenzen des Wachstums, die Notwendigkeit nachhaltig zu wirtschaften, mit inklusiven Praktiken das Zusammenleben und –arbeiten als Zukunftsaufgabe zu ermöglichen. Und auch dem Zwang mit bewusstem Konsum, der Kooperation von Ökologie und Ökonomie und energiesparendem, lebenswertem Wohnen, eine zukunftsfähige Welt zu erschaffen. Es sind dies Werte und Forderungen, die das Überleben auf unserem Planeten sicherstellen müssen. Ästhetik in diesem Kontext verstanden, steht dann für eine neue Kategorie künstlerischen Handelns. Ein nachhaltig gesellschaftspolitisches Anliegen wird bei ihrem Projekt als eine Notwendigkeit für ästhetisches Handeln deutlich.

 

Unter dem Einfluss der digitalen Öffentlichkeiten, zusammen mit den damit einhergehenden gesellschaftlichen Veränderungen geht künstlerisches Arbeiten im öffentlichen Raum nun über den „Erweiterten Kunstbegriff“ hinaus in ein Agieren in einem Akteure-Netzwerk. Bruno Latour hat es als einer der ersten beschrieben. Es sind nicht nur Menschen und Organisationen, die nun vernetzt, in gegenseitiger Abhängigkeit agieren, sondern nun bilden auch die Maschinen, das Internet, die automatischen Antwort-Roboter, die Bots, die sozialen Netzwerke, deren technische Ausstattung, die Natur und Umwelt, die Grundlage für eine Interaktion, die nicht mehr nur von humanen Akteuren bestimmt wird. Nicht mehr wir alleine handeln, sondern vor allem das Akteure-Netz.

 

Der `Interkulturelle Gemeinschaftsgarten´ als performatives künstlerisches Forschen

Hier greift die Urban Gardening Bewegung vielleicht auch deshalb besonders stark ein, weil sie elementare Lebensbedürfnisse anspricht. Pflanzen, essen und zusammen arbeiten. Hier treffen künstlerisches Handeln in den „verflüssigten“ urbanen Räumen auf Protestbewegungen der Jugendkultur, auf romantische Strömungen, dem Wunsch nach Relevanz künstlerischen Handelns im Alltag und bei dezidiert gesellschaftspolitischer Veränderung usw. usw. Dieses Handeln ähnelt mehr einem performativen künstlerischen Forschen, das eine Methode bereitstellt, „… die Wissen als einen intersubjek­tiven Denkraum in der Gesellschaft erfahrbar macht. Performative Künstlerischen Forschung orientiert sich damit nicht mehr an der Darstellung eines repräsentativen Forschungsergebnisses in einem Ausstellungsraum, sondern sucht nach Formen der intersubjektiven Erfahrung eines Forschungsgegenstandes.“ (8)

 

An den Grenzen zur Auflösung des werkgebundenen Kunstbegriffes in sozialem und politischem Handeln, einem postdigitalen Zustand, bei dem das Digitale gleichzeitig allgegenwärtig wie auch unsichtbar ist (3), wird es äußerst spannend sein zu beobachten, wie sich die ästhetische Analyse unserer Umwelt und utopisch projektives Handeln im Akteure-Netzwerk zu künstlerischem Agieren im öffentlichen Räumen als Spannungsfeld zukünftiger Entwicklungen zeigt.

 

Das offene Kunstwerk `Interkultureller Gemeinschaftsgarten´ ist hierfür ein exemplarisches Projekt, das künstlerische Präzision und Konsequenz in der Werkentwicklung zeigt. Eine Arbeit der größter Erfolg und Wirksamkeit zu wünschen ist.

 

Günter Stöber

1) Manuel Castells: Das Informationszeitalter. Teil 1. Der Aufstieg der Netzwerkgesellschaft. Opladen: Leske + Budrich. 2001.

2) Habermas, Jürgen: Kultur und Kritik, Verstreute Aufsätze, Suhrkamp, Frankfurt / Main, 1973, S. 61

3) Schubert, Herbert: Städtischer Raum und Verhalten. Zu einer integrierten Theorie des öffentlichen Raumes. Leske und Budrich Verlag, Opladen, 2000. S. 36

4) Leonhard Emmerling und Ines Kleesattel: Politik der Kunst: Über Möglichkeiten, das Ästhetische politisch zu denken. transcript; Auflage: 1, Bielefeld, 2016

5) Martínez, Chus: Wie eine Kaulquappe zum Frosch wird. Verspätete Ästhetik, Politik und belebte Materie: Unterwegs zu einer Theorie der künstlerischen Forschung. Katalog 1/3, dOKUMENTA 

Das Buch der Bücher. Kassel 2012

6) Ulrich Brand: http://sciencev2.orf.at/stories/1739497/index.html (aufgerufen am 17.12.2017)

7) Wolfgang Ullrich, aus dem Vortrag, am 14. Juli 2017 an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg: https://www.perlentaucher.de/essay/wolfgang-ullrich-ueber-kuratoren-und-

kunstmarktkunst.html (aufgerufen am 17.12.2017)

8) Elena Haas: Performative Künstlerischen Forschung in: Torsten Meyer und Julia Dick (Hrsg.): where the magic happens, S. 202, Kunstforum International Bd. 242